Stresendorf besitzt einen Glockenturm, aber keine Kirche. Sie ist während des Dreißigjährigen Krieges abhanden gekommen. Diese Merkwürdigkeit gab Anlaß zu mancher Spekulation. Die Stresen-dorfer glauben, daß es im Glockenturm nicht ganz richtig sei. Das war vor allem, als neben dem Turm noch eine Gastwirtschaft bestand, die jetzt aber wieder abgerissen ist. Einmal verbrachte ein Bauer den Abend im Stresendorfer Krug beim Kartenspiel. Es war dann auch recht spät geworden, als er endlich gegen Mitternacht aufbrach. Mühsam tastete er sich durch die Dunkelheit. Am Glockenturm angekommen hörte er plötzlich ein Keuchen und Grunzen und es riß ihm die Beine weg. Er fand sich rittlings auf einer schwarzen Sau wieder. In rasender Eile umrundeten sie siebenmal den Glockenturm. Dann striff die Sau eine Ecke des Turms und warf ihn ab. Im Fallen sah er noch Lichter in den Schalluken des Turmes und vernahm ein gellendes Gelächter. Dann verlor er die Besinnung. Als er im Morgegrauen wieder zu sich kam, lag er in einem Graben am Turm. Seitdem war er vorsichtiger, wenn er ins Gasthaus ging.

Hintergrund: In Stresendorf wurden im Mittelalter nacheinander drei Frauen wegen angeblicher Hexerei zum Tode verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Über die Geschehnisse geben heute noch alte Akten Auskunft. Diese Ereignisse wirkten noch lange in der Gefühls- und Gedankenwelt der Dorfbewohner nach und hinterließen auch in der mündlichen Überlieferung ihre Spuren. Die vorgestellte Hexensage ist nur eine der im Umlauf befindlichen. Im Glockenturm sind Inschriften angebracht, die magische Kräfte bewirken oder auslösen sollen. Sie sind alle in Spiegelschrift angefertigt, damit die Hexen sie lesen können. In Mecklenburg häufen sich Hexensagen besonders in den Dörfern im Umkreis eines slawischen Burgwalles (hier der Wulfsahler Burgwall). Die deutschen Eroberer trafen im 12.-13. Jahrhundert auf eine slawische Bevölkerung, die überwiegend einer heidnischen Gedankenwelt anhing. In den Augen der Deutschen war das Hexerei.